Sylvia Sigusch: Künstlerisches Konzept

 

Als freie Künstlerin und Psychologin interessiert mich der Mensch in seinem Leben und Schaffen. In meinem Studium der Kreativen Kommunikation lerne ich über Erd-Leben und das Menschsein darin. Ich studiere die Wasser der Menschen – ihre Gefühle und ihre Leidenschaften – und das, was sie fließen und was sie stagnieren lässt. Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was sie bewegt und wo ihr Gefühl hinfließt. So schreibt die eine, der andere bildhauert, die dritte singt und so fort. Ich habe gewählt, zu malen und Skulpturen aus Lehm zu bauen. Dabei habe ich entdeckt, dass Gestaltungskraft in mir lebt, die selbsttätig arbeitet, wenn ich sie lasse. Meine Hauptaufgabe besteht darin, Hindernisse in Form von Vorurteilen, Beurteilungen, Ansprüchen aufzulösen und ihr damit den Weg freizugeben, um zu tun, was diese freie Kraft tun kann.

Der Freigeist Joseph Beuys postulierte, dass jeder Mensch ein Künstler sei und forderte auf, „die Geheimnisse produktiv zu machen“. Er machte die Kreativitätsfrage zu einer Frage der inneren Kräfte des Menschen. Mit dieser Sichtweise fühle ich mich vertraut, denn sie beschreibt essenziell das, was ich in meinem jahrelangen Studium der Kreativen Kommunikation herausgefunden und gelernt habe.

Die treibende Kraft, malen zu wollen, birgt in sich ihre ganz eigene „Vorstellung“ von dem, wie sie sich ausdrücken will. Ich diene ihr, indem ich ihr freie Hand lasse. Auf diese Weise erfahre ich, wie sie die Themen und Fragestellungen und Gefühle, die in mir tanzen, in Formen-Landschaften umsetzt.

So geschrieben klingt es, als habe diese Kraft ein Eigenleben, als sei sie ein autonomer Teil in mir. Sie ist unabhängig von meinem Willen und sie scheint gleichzeitig mit allen mir noch unbekannten Tiefen verbunden zu sein. Mittlerweile vertraue ich ihr vollkommen. Ich weiß, dass sie weiß. Sie gibt mir Sicherheit. Sie ist frei von Eitelkeiten jeder Art. Sie ist „unverdorben“ von Ansprüchen, rein, pur und frei. Sie ist, die sie ist. So ist sie für mich ein phantastisches Vorbild, wie ich als Mensch und Frau sein möchte. Wahrhaftig. Ehrlich. Liebevoll. Kreativ. Frei.

In diesem Sinne bin ich eine selbstgelehrte Frau. Autodidaktos – sich selbst lehrend. Diese starke Menschenkunst habe ich in meinem Studium der Kreativen Kommunikation immer weiter gestärkt, geübt und vieles dafür weggegeben. Zum Beispiel das Bedürfnis, viel bis alles wissen und können zu müssen, oder alles unter Kontrolle zu haben. Ich lerne, mir selber immer wieder und weiter aus dem Weg zu gehen, damit diese freie starke innere Kraft Platz hat, sich auszudrücken.

Ich praktiziere täglich, mit dem Leben in Fluss zu sein. Panta rhei – alles fließt. Der Fluss windet sich und bahnt sich seinen ganz eigenen Weg. So verstehe ich auch mich und mein Leben. Die Flussrichtung ändert sich manchmal, die Flussgeschwindigkeit wechselt ständig, und mein Lebensfluss ist ein klitzekleiner Teil im großen Fluss des Lebens auf Erden. Was für ein Erlebnis – wenn man oder frau es denn zulassen kann.

Beim Malen im Zustand der Offenheit geht es darum, dem Fluss zu folgen, ohne bereits die Richtung zu kennen. Mit dem Pinsel bahnt sich die Kraft ihren Weg. Sobald ich versuche, die Führung zu übernehmen und denke zu wissen, wo es lang geht, verliere ich den Rhythmus.

Auch die Orientierung im Raum ist eine andere, denn in der Perspektive der inneren Kraft herrschen andere Gesetze. Sichtbar wird dieses auch daran, dass die meisten meiner Bilder aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet werden können und dass diese anderen Blickwinkel neue Realitäten, Landschaften und Kräfte sichtbar werden lassen.

Wenn Hindernisse auftreten, habe ich verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen: Ich kann sie umschiffen, ich kann darüber hinweggehen oder ich kann sie ganz auflösen, wenn es möglich ist. Dabei kommt es auf die Konsistenz oder die Beschaffenheit der Hindernisse an.

Der Welt geht viel Kraft im Einzelnen verloren, durch zu viel innere Zensur oder äußere Bewertung. Die Vorstellung, wie ein Werk aussehen soll, kann hilfreich sein, aber ebenso auch den Entstehungsprozess blockieren. Denn wenn es nicht so wird, wie ich es mir vorstelle, setzen die kritischen inneren Stimmen ein und blockieren den Fluss.

Deshalb ist es so wichtig, nicht für die Akzeptanz der Kunstkritiker zu erschaffen, sondern für mein vertieftes Vertrauen in meine innere Kraft und meinen authentischen Selbstausdruck.

So kann ich immer mehr zulassen, meine Hand und meine innere Kraft frei malen zu lassen. Meine Leidenschaft kann in die Bilder fließen. Mein Körperbewusstsein malt in meinem eigenen Tempo. In diesem langsamen und spannenden Prozess empfinde ich zunehmend, wie diese Kraft in mir wächst und auf ganz natürliche Weise stärker wird. Seitdem ich male, ist mein Leben interessanter, schöner und freier geworden. Ich habe einen Weg gefunden, meiner inneren Kraft zu vertrauen und bin dadurch immer weiter DEM GEHEIMNIS DES LEBENS AUF DER SPUR.